Sie lesen zur Zeit:
Der Typus der Leere

Der Typus der Leere

Der Typus der Leere

Wer über Architektur spricht, bedient sich unweigerlich eines typologischen Vokabulars. Dieses Vokabular ermöglicht eine Klassifizierung, schafft Vergleichbarkeit und ermöglicht so einen architektonischen Diskurs, sowie die theoretische Vermittlung von Architektur. Mit der Zeit wurden diese Begrifflichkeiten erweitert und geschärft, heute kommt es nur noch selten vor, dass ein gänzlich neuer Terminus eingeführt wird und sich etabliert. So beschäftigt sich dieser Kurztext mit einem speziellen, vielleicht neuartigen Typus: dem Typus der Leere. Am Beispiel der «Zugschleife» von Valerio Olgiati werde ich erläutern, was er in diesem Fall mit dem bewussten Einsatz von «Leerkörpern» erreicht.

«Ein rot-braunes Betonskelett, endlos sich wiederholende riesige Ellipsen und überdimensionierte quadratische Stützen bestimmen das Bild […]», beschreibt Frau Vuilleumier-Scheibner im «Werk, Bauen + Wohnen» das Gebäude von Olgiati sehr treffend.

Der Gebäudesockel hebt das Gebäude leicht vom Boden ab, tritt jedoch zugleich leicht in den Hintergrund, da die Stützen der darüberliegenden Stockwerke zur Hälfte über ihn herausragen. Bereits hier wird die Leere ein erstes Mal spürbar, indem die Stützen gleichsam ins Leere führen. Hier sorgt die Leere für die nötige Distanz zur Umgebung, was bei einem solch expressiven Gebäude durchaus angebracht ist.

Das Stapeln von Platten in der Horizontalen, welche durch quadratische Stützen in der Vertikalen zusammengehalten werden, ist ein sich wiederholendes Konzept in den Arbeiten Olgiatis. Dadurch erinnert der Bau an weitere Projekte aus seinem Schaffen, wie zum Beispiel an den Wettbewerbsentwurf für das Learning Center der EPFL in Lausanne oder sein Projekt für einen Wohnturm in Lima. Die im Osten, Norden und Süden im 45 Grad Winkel leicht von der Fassade zurückgestellten Stützen setzen sich leicht von dieser ab, was eine klare Linienführung in der Horizontalen erlaubt. (Vgl. Vuilleumier 2012, S. 14)

An der Westfassade kragen die Betonplatten weit aus, und fassen die ellipsenförmige Leere vor den Balkonen. Auch hier wird die Leere bewusst eingesetzt, um eine sanfte Distanzierung zur Umgebung zu erreichen. So findet eine «natürliche» Abstufung vom öffentlichen Raum hin zum privaten Raum statt. Dies jedoch ohne einen Ausblick/Durchblick zu verhindern oder für zu viel Verschattung im Wohnraum zu sorgen.

Mit dem Einsatz der ellipsenförmigen Leere «öffnet sich [der Raum] in drei Richtungen: nach vorn, nach oben zum Himmel und nach unten zur Erde» (Vuilleumier 2012, S. 14 ff.). Somit ermöglicht diese Typologie dem Architekten die Bezugnahme zur Umgebung ebenso, wie sie eine Distanzierung zur selbigen ermöglicht. Das Spiel mit diesem Oxymoron vermag einem Gebäude, wenn richtig eingesetzt, eine gewisse Tiefe, Eleganz und Selbstverständlichkeit zu verleihen.

Wird die Leere ellipsoid gehalten, verleiht die rundliche Form der Leere eine gewisse Weichheit, sie wirkt viel weicher und behaglicher, als wenn diese in harte Winkel gezwängt wird. So scheint mir die Wahl dieser Form angemessen im Wohnungsbau. Weitere Formen, wie zum Beispiel das Dreieck könnten auch richtungsweisend funktionieren und eine gewisse Dynamik im Bau ermöglichen.

Die elliptische Leere ist nicht nichts, sie schützt vor Dingen, die dort sein können. In Zug bilden die übereinanderliegenden Ellipsen einen imaginären Hof, der eine zusätzliche Distanz zu der gegenüberliegenden Bebauung gewährt.

Jana Vuilleumier-Schreibner

Quellen: Vuilleumier 2012: Werk, Bauen + Wohnen, Inszenierte Struktur […], Jana Vuilleumier-Schreibner, Band 99 (2012), Heft 5

werk, bauen + wohnen berichtet aktuell und kritisch über Archi­tektur im inter­natio­nalen Kontext. Die thema­tischen Hefte bieten vertiefte Analysen, Vergleiche und Hinter­gründe. Als Organ des Bundes Schweizer Archi­tekten BSA erscheint die Archi­tektur­zeitschrift werk, bauen + wohnen im 107. Jahrgang. Mehr dazu gibt es unter:

Text: Christoph Ritler; Fotografie: Daniel von Appen

© 2019 Art [und Weise] - Das Magazin, Christoph Ritler.
Alle Rechte vorbehalten.

Hier geht es zurück nach oben.