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Von der Hegemonie des Sehsinns

Von der Hegemonie des Sehsinns

Hegemonie des Sehsinns

In einem der letzten Beiträge schrieb ich über «Räume die viel fordern, jedoch nicht viel zurückgeben». Seither habe ich mir folgende Frage wieder und wieder gestellt: Wie konnte es eigentlich zu einer solchen Armut des Raums kommen? Bei näherer Betrachtung scheint mir dieses Phänomen vermehrt eine Krankheit der heutigen Zeit zu sein. Viele Innenräume aus «Altbauhäusern», wie sie im 18. & 19. Jahrhundert gebaut wurden, also vor der architektonischen Moderne, präsentieren sich in anderem, besserem Licht und betrachten wir das Ganze im grösseren Massstab, auf die Stadt bezogen, scheint uns im Allgemeinen auch die Altstadt besser zu gefallen, als die Neustadt. Städte wie Bern, Strassburg, Basel oder Schaffhausen mit einem historisch gewachsenen Kern sind beliebte Wohn- und Ausflugsziele und werden von uns gemeinhin als sehr lebenswert empfunden. Wieso bauen wir also heute nur noch selten in solch einer Qualität? Nur weil modern modern ist oder Zeit heute mehr denn je Geld ist? Oder liegt diesem Umstand doch etwas profunderes zugrunde?

Die Antwort fand ich bei Juhani Uolevi Pallasmaa. Dieser finnische Architekt und Architekturtheoretiker setzt sich zeitlebens mit der zentralen Rolle unserer Sinneserfahrung, in direktem Zusammenhang mit unserer Umwelt, insbesondere der gebauten, in feinfühliger Manier auseinander. Ich war so begeistert ob seiner Fähigkeit Zusammenhänge zu ergründen und wortgewandt darzulegen, dass ich sein Buch «Die Augen der Haut, Architektur und die Sinne» nicht mehr aus der Hand legen konnte. Seinen Überlegungen zufolge hat die Verkümmerung der Baukultur mit der heutigen Hegemonie des Sehsinns zu tun. Wieso und weshalb lege ich in den folgenden Ausführungen dar.

In der Ursprünglichsten Form der Sinneswahrnehmung muss der Tastsinn als erster Sinn des Menschen vorhanden gewesen sein. Diese Tatsache sei allein dem Umstand geschuldet, dass unser ganzer Körper von Haut umhüllt wird. Sogar das sehende Auge ist von einer «Sklera», der Lederhaut, und der «Cornea», besser bekannt als Hornhaut, umgeben. Insofern liegt also seine Schlussfolgerung nahe, dass sich unsere anderen vier klassischen Sinne, das Hören, Riechen, Schmecken und Sehen, aus dem Tastsinn heraus entwickelt haben müssen. Dieser Gesichtspunkt spielt insofern eine wichtige Rolle in der Architektur, da Häuser, die uns als speziell reizvoll in Erinnerung bleiben, in allen Fällen nicht nur den Sehsinn zu stimulieren vermögen, sondern uns in unserer ganzen Sinneswahrnehmung ansprechen und im Gegenzug auch mit unserer Reaktion darauf umzugehen vermögen.

Das Auge ist das Organ der körperlichen Distanz und der Trennung, wohingegen der Tastsinn der Sinn der körperlichen Annäherung, Intimität und Zuneigung ist.

Juhani Pallasmaa – Die Augen der Haut 2005/2013

Heute jedoch scheint oft das Gegenteil der Fall zu sein. Neue Architekturen werden in den meisten Fällen nur noch visuell entwickelt, nur wenige Architekten vermögen heute noch eine allumfassende Architektur zu leisten. Einer dieser wenigen ist Peter Zumthor, der den architektonischen Entwurf jenseits des rein visuellen sucht und pflegt. Und siehe da, seine Gebäude sind Architektur, durch und durch. Es sind Gebäude der Sinne. Sie mögen den Sehsinn ebenso ansprechen, wie den Tast-, Geruchs- und Hörsinn, sogar an den Geschmackssinn appellieren sie. Als Beispiel sei der Trinkstein in der Therme Vals genannt. Das stark mineralhaltige Wasser der St. Petersquelle, das dort gekostet werden darf, erinnert im Geschmack an Stein und steht somit in direkter Verbindung mit der von Zumthor geschaffenen Architektur für diesen Ort, dem steinernen Badehaus.

Nun gilt es noch die anfängliche Frage nach dem Verlust der Bauqualität zu klären. Wieso bauen wir heute nur noch selten in solch einer Qualität, im Gegensatz zu früher?

In früheren Zeiten wurde in grossem Mass nach Gefühl und Erfahrung gebaut, die damaligen Baumeister (heute werden wir Architekten genannt) konnten nicht auf die Technik von heute zurückgreifen und mussten sich anders zu helfen wissen. Es wurde vielmehr taktil, also haptisch direkt am Objekt gearbeitet und Bauwerke wurden nicht als Luftschlösser im digitalen Raum geplant. Dementsprechend war auch die Qualität der so geschaffenen Räume auf Grund der Nähe zum Baukörper vielmehr eine gefühlte Qualität, nicht eine distanziert und nur mit Hilfe des Sehsinns erdachte Qualität.

Spätesten mit dem Einzug der Moderne in der Architektur kam es schliesslich zu einem umfänglichen Wechsel im Schaffen der Architekten. Nach dem damaligen Verständnis vieler grosser Modernisten, wie zum Beispiel Le Corbusier oder Ludwig Mies van der Rohe, ist die Kunst der Architektur eine rein visuelle Angelegenheit. Diese Ansicht wurde in Sätzen wie «Architektur ist das weise, korrekte und grossartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper» von Le Corbusier zum Ausdruck gebracht und in den Köpfen vieler kommenden Architekten verankert. Auch heute wird leider an vielen Hochschulen nach diesem Prinzip gelehrt. Vermochte die Moderne in technischer, formaler und hygienischer Hinsicht noch so überzeugend wirken und durch ihre neu geschaffenen Architekturprinzipien (ein freier Grundriss durch Pilotis und weitere) viel Gutes zur Baukunst beitragen, hat sie auf der Ebene der Sinnlichkeit fast gänzlich versagt. Einzig ein paar Wenige, wie etwa Alvar Aalto oder Frank Lloyd Wright und eben Juhani Pallasmaa, vermochten beides, sprich visuelles und taktiles in Einklang zu bringen.

Diese Sehweise, das Schaffen und die Proklamierung von Architektur unter alleiniger Anteilnahme des Sehsinns und die Abkehr dergleichen von den übrigen Sinnen, hat sich bis heute weiter zugespitzt und äussert sich auch in der Technisierung derselben, die nie sinnlich sein kann. Wie Pallasmaa korrekterweise sagt, versucht die gegenwärtige Architektur nur noch zu überzeugen und für sich selbst Werbung zu machen, und sie vermag, genau wie die Werbung, als Folge dessen auch nur noch den Sehsinn anzusprechen. Schlussendlich kommt all dies nur einer geldgetriebenen Industrie zugute, sicher aber nicht uns Lebewesen. Es ist daher essenziell, dass wir den Weg zurück zu einer ganzheitlich sinnlichen Architektur finden.

Es ist nun mal so, nur gute Räume vermögen uns auf Dauer nachhaltig zu faszinieren und geben uns das, was wir alle brauchen: Raum zum Träumen und Sein.

Juhani Pallasmaas Schrift zum Thema «Architektur und die Sinne», sowie Bücher über das feinfühligen Werk von Peter Zumthor finden Sie hier:

Text: Christoph Ritler; Fotografie: Dhyamis Kleber 

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