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Ein liebevolles Pamphlet auf lieblos gemachte Raum-Kistchen

Ein liebevolles Pamphlet auf lieblos gemachte Raum-Kistchen

Unraum

Über Räume, die viel fordern, jedoch nicht viel zurückgeben.

Wir kennen sie alle. Jeder von uns betritt zu oft in seinem Leben einen Raum, der so gar nicht zu faszinieren vermag, der uns nicht fesselt. Am augenscheinlichsten und häufigsten ist dies im Wohnungsbau unserer heutigen Zeit der Fall. Viele von uns wohnen in einem dieser lieblos gemachten Kistchen – dort, wo wahllos aneinandergereihte Räume eine eher schlechte als rechte Wohnlandschaft ergeben. An solch einem Platz muss man sich zuerst einleben. Der Raum fordert regelrecht, dass man sich an ihn gewöhnt. Diesen Zustand habe auch ich bereits mehrmals als sehr unangenehm empfunden und durchlebt. Hat man sich nach längerer Zeit damit abgefunden, ist man dem Raum gegenüber völlig gleichgültig geworden und man haust darin ohne jede Freude.

Einige Glückliche jedoch verbringen ihre Zeit in einem richtigen Haus, mit richtigen Räumen, die man immer wieder von neuem mit Freude betritt und geniesst. Wenn ich von einem solchen Haus oder Raum spreche, geht es mir nicht um ein Gutdünken im ästhetischen Sinn, denn was gefällt oder nicht gefällt ist kulturell bedingte Geschmackssache und darüber kann man sich streiten. Es geht mir vielmehr um den liebevollen Umgang mit der Sache selbst. Um die Hingabe, mit der ein solches Haus sorgfältig gemacht wird. Um die Liebe zur Form, Proportion, Funktion, Materialität und zum Detail. Und vor allem um den Reichtum an Atmosphäre in so einem Raum.

Gehen wir zunächst aber zurück zum schlechten Raum. Insbesondere Wohnlandschaften scheinen mir, wie bereits erwähnt, arg gebeutelt und von besonders geringer Qualität zu sein. Beginnen wir also dort, wo in so einem Fall alles anfängt, beim Wunsch anders zu wohnen als bisher. Diese Sehnsucht äussert sich bei den meisten Menschen vordergründig in einem Idealbild des Wohnens, welches wir wohl alle irgendwo in unserem Geist mit uns herumtragen. Und bereits jetzt, wo noch nichts konkret realisiert wurde, wo alles noch ein Gedankenspiel ist, muss mit der Beanstandung der heute weit verbreiteten Praxis im Bauwesen begonnen werden. Die Lieblosigkeit, mit der solche Kistchen gemacht werden, ist auf verschiedenen Ebenen der architektonischen Praxis auszumachen. In missglückten Fällen wird den Bewohnern eine Behausung zugemutet, die dem angesprochenen Idealbild des Wohnens in keiner Weise gerecht werden kann. So geplanter Wohnraum wird im Regelfall eher schlecht als recht kopiert. Es reiht sich heute in den Wohnquartieren Haus an Haus – ohne Unterscheidungsmerkmale. Wie kann das sein? … frage ich mich immer wieder. Jeder Ort, an dem gebaut wird ist doch einzigartig, genauso einmalig wie die Situation, für die das Haus gebaut wird. Dem Bewohner wird infolge der Reproduktion jedoch eine bestimmte Art zu wohnen aufgezwungen und dies nur aus der Annahme heraus, dass eine Wohnung oder ein Einzelwohnhaus mit viereinhalb Zimmern nun mal wie eine Wohnung oder ein Einzelwohnhaus mit viereinhalb Zimmern auszusehen hat. Ob der Vielzahl der einfallslos kopierten Grundrisse, Formen, Materialverwendungen und Details und der dadurch nicht befriedigten Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner, kommt es mir beinahe so vor, als wäre es heute unmöglich geworden einen vernünftigen und vor allem der neuen Situation gerecht werdenden Gedanken zu fassen und auf Papier zu bringen.

So geschaffener Wohnraum ist nicht zu Gunsten seiner Bewohner kreiert worden, weder in wohnlicher noch monetärer Hinsicht. In solchen Fällen läuft es darauf hinaus, dass man schlussendlich an einem neuen Ort wohnt, vielleicht auf grösserer Fläche sein Hab und Gut verteilt. Aber wenn man über diese zwei einfach zu erreichenden Punkte hinwegsieht, hat sich an der Wohnsituation nicht viel geändert, denn Kistchen bleibt Kistchen. Dem zu Beginn des Essais angesprochenen Reichtum an Atmosphäre wird kein Platz gewährt. Im Auge dieser Erbauer wird daran kein Gedanke «verschwendet». Jener Zustand ist heute so allgegenwärtig geworden, dass wir scheinbar bereit sind, dies einfach so hinzunehmen (… aber sind wir das wirklich?). So wohnen wir heute zu oft in dem, was uns von den Bauriesen vorgesetzt und diktiert wird.

Zurecht stellt sich die Frage, was denn das Gegenstück zu einem solch lieblos gemachten Kistchen ist. Sämtliche bisherigen Raumerlebnisse vor Augen werden alle von uns einen Raum finden, den ich im Folgenden zu beschreiben versuche.

Es gibt Räume, die betritt man und man ist sofort durch und durch fasziniert von ihnen. Im Volksmund würde man sagen, dieser Raum hat etwas. Befindet man sich in einem solchen Raum, fühlt man sich sofort wohl, man muss sich nicht zuerst einleben oder daran gewöhnen. Man spürt die natürliche Präsenz des Raums in Form seiner Atmosphäre. Solche beseelten Räume sind wunderbar zu erleben und jeder ist in seiner Art einzigartig. Wie solche Räume, sprich eine solch dichte Atmosphäre in einem Raum, erschaffen werden kann, werden wir aufgrund der Profundität des Themas auf spätere «Raum»-Essais verschieben müssen. Nur noch Folgendes: Besteht ein Bauwerk aus einem oder mehreren solchen Räumen, die feinfühlig gefügt aufeinander abgestimmt sind und wird die angedachte Nutzung auf vielseitige und einfallsreiche Art und Weise durch das Bauwerk gestützt, kann man von einem richtigen Haus sprechen. Nach diesem Maxime sollten Häuser erdacht, ausgearbeitet und gebaut werden.

In den folgenden Büchern aus dem Hause «Kinfolk» dreht sich alles um Raumqualität:

Text: Christoph Ritler; Fotografie: Monica Silvestre

© 2019 Art [und Weise] - Das Magazin, Christoph Ritler.
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